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Geschichtsaufarbeitung

Blick in den Kirchsaal mit vielen Menschen

Gottesdienst zum Buß- und Bettag

eine Frau sitzt am Tisch, vor ihr liegen historische Bücher

Historikerin Bettina Westfeld

zwei Bücher, eines ist aufgeschlagen und man sieht handscriftliche Eintragungen

Stübchenbücher

Am Buß- und Bettag 2016 wurde im Gottesdienst der Abschlussbericht des Forschungsprojektes zu den Lebensumständen der Bewohnerinnen und Bewohner des Epilepsiezentrums Kleinwachau in den Jahren zwischen 1945 und 1989 vorgestellt.

Ausgangspunkt für diese Forschungsarbeit ist eine von Bund, Ländern und Kirchen beschlossene Stiftung, die ab Januar 2017 ihre Arbeit aufnehmen soll. Unter dem Namen „Stiftung Anerkennung und Hilfe" sollen dann Entschädigungsleistungen an die Menschen mit Behinderungen ausgezahlt werden können, die von den bestehenden Fonds „Heimerziehung West" und „Heimerziehung in der DDR" ausgeschlossen sind. Der Entschädigungsfonds „Heimerziehung in der DDR" berücksichtigt nämlich keine Einrichtungen der Behindertenhilfe.

Der Anstoß für diese Forschungsarbeit kam nicht von ehemaligen Bewohnern selbst, sondern von der Leitung des Epilepsiezentrums Kleinwachau. Geschäftsführer Martin Wallmann ist es wichtig, den Bewohnern schnell mögliche Ansprüche auf Entschädigungsleistungen zukommen zu lassen. „Wir wollen mit unserer Vergangenheit offensiv umgehen und nichts unter den Tisch kehren", sagt er und fügt an, dass diese Forschungsarbeit ein wichtiges Fundament für den Entschädigungsprozess sei.

Für die Studie lagen Fragebögen von 74 Bewohnern bzw. ehemaligen Bewohnern Kleinwachaus vor, von denen 58 ausgewertet werden konnten. 52 Personen berichten von Gewalterfahrungen. Während drei Personen ausschließlich von erlittener Gewalt durch Mitbewohner berichten, beziehen sich die übrigen Erinnerungen auf Zwangsmaßnahmen durch das Pflegepersonal. Die überwiegende Mehrheit (48 Personen) erinnert sich an Isolierungsmaßnahmen im sogenannten „Stübchen". „Stübchen" waren Einzelräume, die mit einer Matratze ausgestattet waren und abgeschlossen wurden. Zusätzlich zu dieser Maßnahme geben 8 Personen an, vom Pflegepersonal körperlich misshandelt worden zu sein. Außerdem berichten 10 Personen vom Anlegen der Bänderjacke. Als Hauptgründe für eine Bestrafung wird ein abweichendes Verhalten im Alltag angegeben wie z. B. verweigertes Essen, ein abgelehnter Kirchgang oder auch Aggressionen unter den Bewohnern oder gegenüber dem Personal.

Neben der Befragung der Heimbewohner wurde auch allen ehemaligen Mitarbeitern die Möglichkeit gegeben, ihre Sicht der Dinge zu äußern. Es beteiligten sich von 117 kontaktierten Personen 20. An die von den Bewohnern erwähnten Zwangsmaßnahmen erinnerten sich 14 Personen. Als Gründe wurden am häufigsten Aggressionen unter den Bewohnern genannt. Sowohl die räumlich Enge, die Größe der Gruppe als auch die geringe Anzahl von technischen Hilfsmitteln und der dauernde Personalmangel erschwerten die Arbeit der Mitarbeiter in der damaligen Zeit.

Um die Frage nach den Gründen der Anwendung von Isolierungsmaßnahmen zu erhellen, konnten zwei noch vorhandene „Stübchenbücher" aus den 60er Jahren ausgewertet werden. Die Untersuchung ergibt wie folgt, dass von 83 dokumentierten Gründen bei 13 Personen (16%) ein medizinischer angegeben ist, bei 17 Personen (20%) die Anwendung von Gewalt gegen Mitbewohnern und/oder Personal und bei 53 Personen (64%) ein abweichendes Verhalten.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es im Unterschied zu staatlichen Kinderheimen in der DDR im Epilepsiezentrum Kleinwachau keine systematische Misshandlung oder Gewaltexzesse gegeben hat. Anders als bei anderen Untersuchungen wurde von den Bewohnern keine sexualisierte Gewalt von Betreuern gegenüber ihnen erinnert, aber wohl zwischen den Bewohnern. Als Erklärung für die Anwendung von Zwangsmaßnahmen werden von den Mitarbeitern die unglaubliche Enge bei der Unterbringung der Bewohner in den großen Schlafsälen, der viel zu geringe Personalschlüssel und auch die mangelnde Möglichkeit einer Supervision der Arbeit genannt. Eine zusätzliche Erklärung für die Anwendung von Gewalt gegenüber den Heimbewohnern ist die Tatsache, dass das Heim in Kleinwachau als „totale Institution" zu betrachten ist. Um eine solche Einrichtung funktionieren zu lassen, sind klare Regeln nötig. Wird die Befolgung der Regeln durch die Bewohner zum Selbstzweck, besteht die große Gefahr, dass deren Bedürfnisse aus dem Blick geraten und nicht mehr geachtet werden. Dem entgegenzuwirken, ist eine große Aufgabe für alle Mitarbeiter in solchen Einrichtungen und eine Verpflichtung auch für die heutige Arbeit mit behinderten Menschen.

Und so brachte Geschäftsführer Martin Wallmann am Buß- und Bettag 2016 diese Ergebnisse vor den Altar, um deutlich um Vergebung zu bitten. Gleichzeitig stellte er in Aussicht, dass das Epilepsiezentrum Kleinwachau den Bewohnern und ihren Betreuern bei der Beantragung von Entschädigungsleistungen behilflich sein wird. Drei Sozialarbeiterinnen werden diesen Prozess begleiten.

Meldung vom: 17.11.2016


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