Werk und Werkstatt
Von Patrick Ziob, Mitarbeiter der Unternehmenskommunikation
Ganz unten. Das war Lukas Schallon, 28. Drogenabhängig, alkoholkrank, wohnungslos, verschuldet. Und es gab niemanden mehr, der ihm vertraute. Noch nicht einmal seine eigene Mutter. So beschreibt Lukas Schallon selbst den Punkt, an dem nichts mehr ging.
Ich, Patrick Ziob, Mitarbeiter der Unternehmenskommunikation im Epilepsiezentrum Kleinwachau, der über 30 Jahre als Reporter und Redakteur gearbeitet hat, lerne Lukas ganz anders kennen. Ein junger Mann mit klarem Blick, verbindlich, freundlich und – wie ich finde – ein aufstrebender Künstler mit viel Potenzial.
Er arbeitet bei uns in den Kleinwachauer Werkstätten am Standort Radeberg, genauer gesagt in der Töpferei. In seiner Freizeit malt er beeindruckende Bilder, die er an den verkaufsoffenen Samstagen unseres ein:LADENs ausstellt: Porträts voller Intensität, Akte voller Respekt. Unter dem Künstlernamen @a.k.a._harlekin kann man sich auf Instagram einen Teil seines Schaffens anschauen.
„ Da war mir klar: Hier kommst du erstmal nicht mehr raus. “
Rausch und Reißleine
Vorher war da ein Leben im Rausch. Crystal Meth, Cannabis, Schnaps. Begonnen in frühen Teenagerjahren, nach dem Tod seines Großvaters – seiner wichtigsten Bezugsperson – und einer schmerzhaften Trennung. Die Sucht entfernte ihn von allem, was Halt geben konnte. Schule, Familie, Freundschaften. Am Ende stand der völlige Kontrollverlust. Psychosen, Stimmen, Wahnvorstellungen.
Die erste eigene Wohnung verlor er, weil er „drauf war“ und Dokumente unterschrieb, deren Tragweite er nicht verstand. Es entstanden Verbindlichkeiten, die er erst jetzt fast vollständig abbezahlt hat. Zuvor hatten Mutter und Großmutter die Reißleine gezogen, den Kontakt abgebrochen. „Meine Mutti konnte nicht mehr“, sagt er. Es war kein Bruch aus Kälte, sondern aus Überforderung. Auch seine Großmutter erlebte ihn in Zuständen, die kaum auszuhalten waren.
Mehrfach wurde er in Kliniken eingewiesen, entließ sich selbst, fiel zurück in alte Muster. Erst ein längerer Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie markierte einen Wendepunkt. „Da war mir klar: Hier kommst du erstmal nicht mehr raus“, erinnert er sich. Es folgte ein monatelanger Entzug, begleitet von intensiven Erfahrungen – belastenden, aber auch prägenden.
„ Meine Psychologin hat mich in die Richtung Kunst geschubst – sie hat etwas in mir gesehen, was ich selbst noch gar nicht greifen konnte “
Wahn und Wendepunkt
Lukas Schallon schaffte den Ausstieg, er wurde clean. Und es gab einen Menschen, der mit ihm Vertrauen wagte: seine Psychologin Antje Döhner-Unverricht aus Dresden. Sie „repariert“ nicht nur, sie erkennt Lukas’ Kern. Der Schlüssel zu Lukas ist ein Bild.
Damals in seiner ersten Wohnung hatte er ein Buch, das er am Bahnhof Dresden-Neustadt in einer herrenlosen Kiste gefunden hatte. Darauf ein Gemälde des niederländischen Künstlers Frans Hals (1580/85–1666). Es zeigt die Amsterdamer Adelige Catharina Hooft (1618–1691) als Kind auf dem Arm ihrer Amme; die Amme hält eine Birne in der Hand. In seinem Zustand zwischen Betäubtheit und Wahn - zu dieser Zeit durchlebt Lukas Schallon eine Phase mit psychotischen Symptomen - hielt er die Birne damals für die Erde, die Amme für einen Dämon und das Kind für Lucifer.
Und wieder Jahre später erinnerte er sich an dieses Buch, an dieses Bild von Frans Hals. Er machte sich auf die Suche und fand schließlich das Werk auf dem Titel des Kataloges der Berliner „Gemäldegalerie“. Als Lukas Schallon seiner Psychologin Döhner-Unverricht von seinem Fund erzählte, schnappte sich die Therapeutin ihren Klienten und fuhr mit ihm in die Hauptstadt. Es war der Wendepunkt. Denn Lukas Schallon, jetzt klar im Kopf, konnte im Original die wahre Schönheit dieses Gemäldes erkennen.
Vertrauen und Verantwortung
„Meine Psychologin hat mich in die Richtung Kunst geschubst – sie hat etwas in mir gesehen, was ich selbst noch gar nicht greifen konnte“, macht sich Lukas Schallon heute klar. Nach dem Besuch im Museum kaufte er sich Tutorial-Bücher für Malerei und lernte das Zeichnen autodidaktisch. Über die ersten Entwürfe muss er heute schmunzeln, „aber ich wurde und werde immer besser und besser“, sagt er.
Zum Fest „100 Jahre Stadtrecht“ hat er seine erste Ausstellung – im Foyer des ehrwürdigen Rathauses von Großröhrsdorf, wo Lukas Schallon mittlerweile wohnt und ein eigenes Atelier hat. Zuletzt hat er anlässlich der Bretniger Kirmes im Alten Gemeindeamt der Oberlausitzer Ortschaft ausgestellt.
Mut und Möglichkeit
Auch seine Mutter, seine Großmutter, seine Familie, sein bester Freund wagten Vertrauen, waren mutig und ließen Lukas Schallon wieder in ihr Leben. Dieses Vertrauen war kein leichtes. Es war kein Vertrauen ohne Risiko. Es war ein bewusstes „Wir versuchen es nochmal“, obwohl niemand garantieren konnte, dass es gut ausgeht.
Und auch wir vom Epilepsiezentrum Kleinwachau gehören zu diesem Kreis. Wir haben Lukas Schallon in unseren Werkstätten einen Arbeitsplatz gegeben, nicht als fertige Lösung, sondern als Möglichkeit. Als Struktur. Als Alltag.
Leistung und Liebe
Und auch als Raum, sein kreatives Talent in einem sozialwirtschaftlichen Unternehmen einzubringen. Lukas Schallon gestaltet bei uns keramische Produkte für den Verkauf im ein:LADEN. Mehr noch: Manchmal darf er auch den Raum der Werkstatt nutzen, um die hochwertigen Rahmen für seine Gemälde herstellen zu dürfen.
Dass Lukas Schallon heute seit sieben Jahren clean ist und ohne Drogen lebt, ist seine persönliche Leistung, auf die er unglaublich stolz sein kann. Und wir – die Gesellschaft – blicken auf diese Leistung mit Respekt und großer Würdigung. Die Menschen, die „Vertrauen wagten“, haben ihm geholfen, wieder etwas aufzubauen, das vorher komplett zerbrochen war. Arbeit, Rhythmus, Verantwortung – Schritt für Schritt, stabilisierend. Und Liebe. Für sich und andere.
„Vertrauen wagen“ ist unsere Übersetzung der diesjährigen Jahreslosung der Evangelischen Kirche Deutschlands: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5). Dieses Bibelwort ist eine Erzählung über das Leben von Lukas Schallon – und über Hoffnung für jeden Menschen.
Halt und Heilung
„Ganz unten“, die beiden Worte, mit denen ich in die Reportage gestartet bin, gibt es eigentlich nicht. Das hat mir Ende 1994 mal ein junger, ruandischer Psychologe gesagt, der Völkermord-traumatisierte Kinder behandelte. Ich habe seine Worte noch im Ohr: „Für jeden Menschen kann es einen Neuanfang geben. Vertrauen und Liebe sind Gottes Saatkörner für Halt, Heilung und neue Stärke.“