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  5. Kishan Durgesh - Vom Freiwilligen zum Auszubildenden

Aus Indien nach Sachsen

Von Patrick Ziob, Unternehmenskommunikation Epilepsiezentrum Kleinwachau

Das erste Mal fiel mir Kishan Durgesh auf, als er unser ganzes Dorf überrumpelte. Das war Ende September 2024. In Liegau-Augustusbad, dem Radeberger Ortsteil, in dem auch das Epilepsiezentrum Kleinwachau zu Hause ist, hatte ich das traditionelle Sommerkino mitorganisiert.

Rund 300 Bewohnerinnen und Bewohner hatten sich in unserem Ortspark versammelt, saßen auf Plaste-Stühlen und Bierbänken. Es gab Radeberger, Wein vom heimischen Winzer, es duftete nach Bratwurst und Bemme. Ein Dorffest in Sachsen halt.

Auf einmal war Kishan Durgesh mitten unter uns. Er fiel natürlich sofort auf mit seinen dunklen Haaren, seinen dunklen Augen und seiner dunklen Haut. Kishan – wir duzen uns heute – setzte sich auf einen freien Platz und hörte meinen Begrüßungsworten zu, die ich hielt, nachdem der Heimatverein einen Vorfilm über die Geschichte von Liegau-Augustusbad gezeigt hatte.

Im sächsischen Dorf

Kaum hatte ich geendet, stand der kleine, schlanke Inder auf und sagte laut, er habe da eine Frage. Stille – eine Szene wie in einer schlechten Netflix-Serie. Und Kishan fuhr fort, mit ausländischem Akzent, aber im besten Deutsch: Also der Film vom Heimatverein habe ihm total gut gefallen und er würde gerne mehr über die Geschichte unseres Dorfes erfahren. Wieder Stille.

Und während ich die Worte schreibe und mir die Erinnerung zurückhole, muss ich schmunzeln. Über Kishan, über uns Dorfbewohner.

Der erste, der sich fasste, war der Vorsitzende des Heimatvereins, der Kishan einlud, mit ihm sofort in die gegenüberliegende Heimatstube zu gehen, denn dort gibt es eine sehr informative Ausstellung über die Geschichte von Liegau und Augustusbad.

Und so warteten wir alle geduldig mit dem Hauptfilm 20 Minuten auf Kishan und seinen Gastgeber.

Schläge in der Schule

Jetzt, eineinhalb Jahre später, sitze ich Kishan im kleinen Speisesaal im Brunnenhaus – dem Verwaltungsgebäude des Epilepsiezentrums in der Nähe von Dresden – gegenüber. Der 20-Jährige, der damals ein freiwilliges Jahr in Kleinwachau absolvierte, macht inzwischen eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer in der Radeberger Einrichtung. Und wir reden über VERTRAUEN WAGEN – unsere Jahreskampagne.

Geboren wird Kishan in einem Dorf, er wuchs aber in Bangalore auf. Einer Stadt mit über elf Millionen Einwohnern und einer berühmten IT-Industrie im Süden Indiens. Silicon Valley of India wird die Metropole auch genannt. „Dresden ist für mich eigentlich keine Stadt“, sagt er und lacht.

Seine Eltern gehören, wie er selbst sagt, „zur Unterschicht“. Die Mutter ist Näherin und arbeitet von zu Hause aus, der Vater ist Filmvorführer im Kino. Die Familie lebt zu viert in einem einzigen Raum, der Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Küche und Arbeitsplatz in einem ist. In der Schule wird er manchmal von Lehrern geschlagen, wenn er zu laut ist. Das macht ihn erst einmal sehr verschlossen.

Natürlich haben sie mich gewarnt vor Deutschland, besonders vor Sachsen, dass es gefährlich ist für Ausländer, aber ich kann wirklich sagen, ich bin bisher nur auf Freundlichkeit und Respekt gestoßen.
Kishan Durgesh

Neuanfang an einer christlichen Schule

Und dann ändert sich alles mit einem Schulwechsel. Auf der Bethany High, einer christlichen Schule, die 1963 von einer wohlhabenden Inderin gegründet worden war, um benachteiligten Kindern eine Perspektive zu geben, kann Kishan der sein, der er ist: lustig und neugierig auf das Leben.

Deutsch als Zufall

Das erkennt ein Mann, den Kishan bis heute „Herr Müller“ nennt. Herr Müller ist Sozialarbeiter an der Schule, stammt aus Hamburg. Herr Müller ist neugierig auf diesen besonderen Teenager. Aus Neugier werden Gespräche, aus Gesprächen Deutsch-Unterricht. „Ich hatte zwar noch keine Ahnung, was ich mit dieser Sprache anfangen soll, aber mir machte das Lernen Spaß, und ich wollte irgendwie alles über Herrn Müller wissen: seine Sprache, seine Geschichte, sein Land“, erzählt Kishan rückblickend.

Während der Corona-Zeit wohnt Kishan zeitweise bei ihm – Kishan: „Ich hatte plötzlich ein eigenes Zimmer in einer sehr feinen Gegend“ –, lernt weiter und besteht schließlich die B2-Prüfung am Goethe-Institut. Wie auch das Abitur an der Schule.

Kishan hat keine richtige Idee, wie es weitergehen soll. Seine Mutter will, dass er Arzt oder Ingenieur wird, aber darauf hat er keine Lust. Wie eigentlich auch auf den Job, zu dem ihn Herr Müller verdonnert: Ein deutsches Ehepaar sucht einen Babysitter und Stadtführer für ihre 12- und 13-jährigen Mädchen.

Deutschland wird ein Plan

Und dieses deutsche Ehepaar, das aus Leipzig stammt, erzählt ihm von der Möglichkeit, in Deutschland ein Freiwilliges Soziales Jahr machen zu können. Da die Schwester der Frau in Kleinwachau arbeitet, empfehlen sie ihm das Epilepsiezentrum nördlich von Dresden. Er schaut sich die Webseite an: Ihm gefallen die Fotos und die Vielfalt der Bereiche. Plötzlich ist Deutschland, die Heimat von Herrn Müller, ein Plan.

In Kleinwachau angekommen, saugt er alles auf, was er sieht, was er erlebt und was ihm die Kolleg:innen und Klient:innen erzählen, egal ob über das Leben in der DDR, die Volkskunst im Erzgebirge, die Pracht Dresdens, um einige Beispiele zu nennen. Kishan ist nie ein Besucher, sondern immer Teil seiner Umgebung. 

„Natürlich haben sie mich gewarnt vor Deutschland, besonders vor Sachsen, dass es gefährlich ist für Ausländer, aber ich kann wirklich sagen, ich bin bisher nur auf Freundlichkeit und Respekt gestoßen“, sagt er.

Vertrauen gewagt und bekommen

Ich war selbst als junger Journalist viel im Ausland unterwegs, viel auch in Ländern, die man damals meiden sollte. Ich hätte es aber nie gewagt, in einer Gegend, vor der man mich gewarnt hat, in die Mitte eines Dorfes zu treten. Woher kommt dieser Mut? Kishan Durgesh: „Ich habe Vertrauen in mich selbst, weil andere Menschen Vertrauen mit mir gewagt haben: meine Eltern, Herr Müller, das Ehepaar aus Leipzig, Kollegen und Klienten in Kleinwachau und auch Vorgesetzte wie Karsten Bilz, der ehemalige Freiwilligen-Koordinator des Epilepsiezentrums, oder Frank Marzinkowski, der Bereichsleiter Wohnen, die mich gefördert haben.“

„Vertrauen wagen“ – das ist unsere Übersetzung der neuen Jahreslosung: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5). Dieser Bibeltext steht für Hoffnung und Neuanfang.

Genauso wie die Geschichte Hanumans, des Affengottes, einer bedeutsamen Figur im Hinduismus, der für Kishan der wichtigste religiöse Bezug ist. Hanuman vertraut seiner obersten Gottinstanz Rama bedingungslos und besiegt für ihn das Böse. „Hinzu kommt, dass Hanuman ein Gott mit Superkräften ist“, lacht Kishan, „und das mit viel Witz, Humor und Selbstironie. Das gefällt mir.“

Hape Kerkeling war der Anfang

Der Grund übrigens, warum Kishan Durgesh vor eineinhalb Jahren das Sommerkino in Liegau-Augustusbad besuchte, war der Film: „Der Junge muss an die frische Luft.“ Kishan: „Ich hatte den Film beim Deutschunterricht im Goethe-Institut gesehen und hatte mich gefragt, was ist das für ein Land, das so viel Witz, Humor und Selbstironie hat? Mit Hape Kerkeling begann mein Interesse für Deutschland. Da ich aber nicht jeden Witz verstanden hatte, wollte ich ihn noch mal sehen.“

Freiwilliger oder Ausbildung in Kleinwachau?

Unsere Kampagne für das Jahr 2026

Die Jahreslosung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für 2026 lautet: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5)

Für uns im Epilepsiezentrum Kleinwachau haben wir diese Jahresbotschaft mit den Worten „Vertrauen wagen“ übersetzt.

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