„Es ist nur Epilepsie“
Von Patrick Ziob, Unternehmenskommunikation Epilepsiezentrum Kleinwachau
„Es ist nur Epilepsie.“ Das NUR betont die junge Frau auf dem Podium besonders. Ein Satz, der leicht klingt – und doch ein ganzes Leben trägt.
Ich war über 30 Jahre Reporter und Redakteur und habe viele Menschen interviewt – Prominente, Politiker, Wissenschaftler. Doch selten hat mich jemand so beeindruckt wie diese junge Frau auf dem Podium des Epilepsieforums, das das Epilepsiezentrum Kleinwachau jedes Jahr im Haus an der Kreuzkirche in Dresden veranstaltet. „Es ist nur Epilepsie“, wiederholt sie und lacht dabei, gelöst und gewinnend.
Später erzählt sie mir, dass diese Epilepsie, der sie durch das Wörtchen NUR die Wichtigkeit nehmen will, ihr ganzes Leben beeinflusst.
Ihr Leben als junge Frau und als junge Mutter: „Ich habe alles: Absencen, Myoklonien, tonisch-klonische Anfälle. Später Sturzanfälle – fallen, aufstehen, fallen, aufstehen. Dreißig, vierzig Mal am Tag. Das schlaucht. Aber ich stehe immer wieder auf.“ Es ist ja NUR Epilepsie.
„ Sie begegneten mir nie nur medizinisch, sondern als Mensch. Mit ihnen konnte ich alles besprechen, selbst die Ängste, die ich niemandem sonst erzählen wollte “
Mit 14 der erste Anfall
Jasmin Obst ist 26 Jahre alt, stammt aus Merseburg und ist seit vielen Jahren Patientin der Fachklinik für Neurologie der Einrichtung im Radeberger Ortsteil Liegau-Augustusbad, 20 Kilometer nördlich von Dresden. Würde man ihr in einer Fußgängerzone begegnen, würde man sie kaum mit einer schweren Krankheit verbinden: eine junge, modische Frau mit langen blonden Haaren und einem gewinnenden Lachen.
„Für mich ist das einfach Epilepsie. Punkt. Nicht das Ende der Welt. Viele machen ein riesiges Drama draus, aber ich will mein Leben leben und mich nicht unterkriegen lassen“, sagt sie mir – wie schon den über 100 Zuhörerinnen und Zuhörern des Epilepsieforums 2025 in Dresden.
Mit 14 erlebt sie ihren ersten Anfall. Sie will morgens zur Schule, geht die Treppe hinunter – und ist plötzlich weg. Sie stürzt vom obersten Stockwerk bis nach unten. Ein Schock, für sie selbst und für ihre Familie. „Meine Mutter sah Blut und dachte wirklich, ihr Kind stirbt.“
Ihre Eltern, die in Halle im Garten- und Landschaftsbau sowie im städtischen Bäderbetrieb arbeiten, stehen ihr von Anfang an bei; ihr Mut, ihre Sorge und ihr Vertrauen prägen sie ein halbes Leben: „Ohne meine Eltern hätte ich das alles nicht geschafft. Sie haben mir immer das Gefühl gegeben, dass ich trotz Epilepsie leben darf und kann.“
Der Satz ihres Stiefvaters
Im Krankenhaus in Halle wird Epilepsie diagnostiziert, wenig später kommt sie nach Kleinwachau. „Ich fühlte mich von Anfang an gut aufgehoben. Man nimmt sich Zeit, erklärt alles und sieht mich als ganze Person“, sagt sie. Besonders das Team des Krankenhauses unter Chefarzt Dr. Thomas Mayer habe ihr geholfen, die Krankheit zu verstehen: „Sie begegneten mir nie nur medizinisch, sondern als Mensch. Mit ihnen konnte ich alles besprechen, selbst die Ängste, die ich niemandem sonst erzählen wollte.“
Zum Wendepunkt in ihrem Leben werden ein Satz ihres Stiefvaters und der Einsatz eines Arztes im Epilepsiezentrum Kleinwachau. Sie ist 16 und will mit Freunden ins Freibad. Seit dem Anfall schläft sie im Schlafzimmer der Eltern. „Wenn du ins Freibad willst, musst du in deinem eigenen Zimmer schlafen“, sagt er. Ein Satz aus Sorge – und zugleich ein Schritt in Richtung Selbstständigkeit. „Ohne diesen Satz wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.“
Plötzlich laufen die Tränen
Später, wieder in Kleinwachau, trifft sie eine bewusste Entscheidung: Sie will das Video ihres Anfalls sehen. „Alle anderen sehen, was passiert – nur man selbst nicht.“ Dr. Martin Finzel, Leiter von Station 3 (Psychosomatische Epileptologie), unterstützt sie und – obwohl unüblich in der Therapie – zeigt ihr alles in Ruhe. Als sie sich im Video krampfen sieht, beginnt sie zu lachen.
Später sitzt sie auf ihrer „Denkerbank“ unweit der Klinik, hört die Vögel, spürt den Wind – und plötzlich laufen die Tränen. „Es war, als würde alles aus mir herausfließen“, sagt sie. Und plötzlich ist er da, dieser Satz: „Es ist nur Epilepsie.“ Und das Gefühl, sich vertrauen zu können.
„Vertrauen wagen“
Jasmin wird Mutter. Während der Schwangerschaft bleibt sie anfallsfrei. Sie beginnt mehrere Ausbildungen, scheitert – an der Epilepsie. Dabei entdeckt sie ihr Talent: über Epilepsie zu sprechen, Mut zu machen, Angst zu nehmen. Sie macht die Krankheit zu ihrem „Kaffeeklatschthema“, mit Betroffenen, Freunden, auf Podien. Ihr Ziel: Epilepsie sichtbar machen und Zuversicht verbreiten.
„Vertrauen wagen“ – das ist unsere Übersetzung der neuen Jahreslosung: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5). Dieser Bibeltext steht für Hoffnung und Neuanfang. Jasmin Obst hat dieses Vertrauen immer wieder gewagt – und es ging leichter mit der Unterstützung ihrer Eltern und dem Team um Dr. Mayer und Dr. Finzel, die ihr geholfen haben, ihren Weg zu finden, und für andere Menschen, denen sie selbst Mut macht.
So dass sie heute – trotz weiterhin vieler Anfälle – sagen kann: „Es ist nur Epilepsie.“ Vertrauen wagen machte das möglich.